In der ehemaligen Ladenpassage vom Forum Altona und dem Ex-Karstadt in Hamburg enwickeln sich seit drei Jahren eigenständige Ateliers, in denen über fünfzig Künstler und Designer auf einer Fläche von 3000 qm arbeiten und in regelmäßigen Abständen zeitgenössische Arbeiten präsentieren.
Die Gebäude befinden sich im Sanierungsgebiet Altona Altstadt in Hamburg. Es stand demnach vom ersten Tag an fest, dass die Künstler nur als Zwischennutzer fungieren und der Einzelhandel als Langzeitmieter angestrebt wird.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen an dem wieder Umstrukturiert werden soll, und die Künstler weiterziehen müssen. In den letzen Tagen, in denen noch im Frappant/ Forum Altona gearbeitet werden kann, wird eine Ausstellung stattfinden, die die besten themenbezogenen Positionen zeigt. Einen Einblick in die Ateliers und in die entstandenen Arbeiten gibt es permanent. Die Ausstellung wächst stetig. So ergänzen sich die künstlerischen Arbeiten und lassen immer mehr Querverweise erkennen. Der entgültige Abschluss der Ausstellung ist mit dem Auszug aus dem Gebäude verbunden.
Definition
Definieren Sie die Grundsätze und Richtlinien einer Galerie.
„Als Galerie werden im Zusammenhang mit der Bildenden Kunst im Allgemeinen hauptsächlich oder ausschließlich für die Ausstellung von Kunstwerken genutzte Räumlichkeiten bezeichnet.“
Obwohl die Definition einer Galerie äußerst schwierig und dadurch ungenau ist, gibt es nur wenige Stätten, die sich Galerie nennen dürfen. Eine Galerie hat an einen dauerhaften Ort zu sein, weiße Wände und eine klare Beleuchtung vorzuweisen. Die Exponate müssen klar einer Richtung zuzuordnen sein.
Charismatische Gebäude mit Ihren Eigenwilligkeiten könnten von der eigentlichen Kunst ablenken, und werden oft als ungeeingnet angesehen. Sogenannte Produzentengalerien, in denen die Künstler selbst kuratieren und organisieren, findet man aber oftmals genau an diesen vakanten Stellen im Stadtraum. Freie, erneuerungsbedürftige Flächen, von der Stadt als Schandflecke und Sanierungsgebiete betitelt und ausgeschrieben, stehen oft ungenutzt jahrelang leer. Der urbane Raum unterliegt einer ständigen Veränderung. Die immer schneller werdenen Wechsel vom belebtem zu menschenleerern Plätzen lassen Stadtplaner verzweifeln. Dadurch finden Künstler oftmals dort eine Nische zum Arbeiten, wo die Stadtplanung versagt hat, und keine Infrastruktur mehr existiert. Es entstehen Zwischennutzungen, die wieder kulturelle Vielfalt und ungeahnte Möglichkeiten aufwerfen.
Vakant – Frappant
Folgendes Galerieprojekt arbeitet genau mit den Möglichkeiten der Zwischennutzung. Die Stadt hat in der Regel großes Interesse, Künstler als Anreiz für die Gastronomie und die Bekleidungsbranche zu nutzen.
Dafür werden günstige Flächen für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt.
Objekt:
Umsetzung: Auf einer befristeten Fläche wird Raum zum kreativen Arbeiten und zum Ausstellen geschaffen. Das Fundament des Galerieprojekts besteht aus zwei Konstanten. Einem Katalog, der alle gesammelten Arbeiten und alle Künstler aus dem Haus zeigt, bestehend aus Versatzstücken, die jederzeit ergänzt werden können. Außerdem wird es eine Internetseite geben, die über die Veränderung und den Prozess informiert.
Die Unbeständigkeit durch die kurzen Mietverträge veranlasst die sich vor Ort befindenen Künstler in der Regel dazu, sich zu allererst mit dem eigenen Umfeld zu beschäftigen. Äußere Einflüsse aus dem Stadtgebiet werden verarbeitet. Die vorgefundene Bausubstanz und das soziale Umfeld werden neu interpretiert. Die unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Künstler führen zu den vielfältigsten Ergebnissen. Es werden soziale Gefüge, architektonische Aspekte, Gefahren des Ankermieterseins und alltägliche Situationen dokumentiert. In dem Fall aus den Fachbereichen Fotografie, Modedesign, Malerei, Typografie, Produktdesign Textil, Stadtplanung, Grafikdesign, Sounddesign, Installation und Architektur.
Die Ausstellung der Arbeiten wird in den letzten Wochen stattfinden. Die Finissage ist immer für den letzten Tag, an dem noch im Haus gearbeitet werden kann, geplant.
Kurz bevor das jeweilige Gebäude eine weitere Umstrukturierung erfährt und wieder zur Einzelhandelsfläche wird.
Große Bergstraße 156
Frappant / Forum Altona
22767 Hamburg
info@vakant-frappant.de
www.vakant-frappant.de + www.frappant.org
Inhaltlich verantwortlich gemäß § 6 MDStV:
Vakant Frappant Ausstellung
Konzept & Organisation: Gianna Schade
Gestaltung: Gianna Schade, Anne Büttner, Jan Tackmann, Fabian Eschkötter
Dieses Projekt wird mit Mitteln aus dem Verfügungsfond des Sanierungsbeirats
Altona-Altstadt gefördert.

Das Forum Altona von der Hausnummer 152 bis 156 ist Gegenstand einer
subjektiven Untersuchung, bei der Jan Tackmann und Miguel Ferraz versucht
haben ihre verschiedenen Wahrnehmungen dieses Gebäudes zu einem Gesamteindruck
zusammenzufügen. Die Klang- und Bildkollagen entstanden aus gefundenen Geräuschen
und dokumentarisch fotografierten Bildern, die im Anschluss bearbeitet und zu einem Film
zusammengesetzt wurden.
Konzentrieren wir uns auf Gefühl, Emotion und die Spontanität. Dann bleibt nicht mehr viel übrig um im fürstlichen Sinne malen zu könnten. Selbst den Pinsel schmeiß weg. Nach reiflicher Überlegung und angesichts der äußeren Bedingungen, bleibt einem nichts anderes übrig als selbst das Medium zu verlassen und das Bild in Bewegung zu setzten um ein anständiges Gemälde zu schaffen. Move on.
Lawatzweg 4, 4 Stock, Krempel, Einzelteile, Holz, Farbe 3:04 min, 2007
Ort des Geschehens ist das leerstehende Karstadt-Kaufhaus in Hamburg-Altona. Das Gebäude wird seit 2004 von Käufer zu Käufer gereicht, und zur Zeit an Party- Veranstalter vermietet. Regelmäßige Kunstausstellungen und Konzerte lassen das alte Warenhaus kurzfristig aufleben.
Zum Leid der Obdachlosen, die sich die Verkaufsräume als Wohnungen eingerichtet hatten. Ein Teil von Ihnen ist nun von der Verkaufshalle in die Büroräume oberhalb des Daches umgezogen. Ein neunstöckiges Gebäude aufgestockt auf das Karstadtparkhaus. Dort stehen über 1500 qm zur Verfügung.
Sie werden von dem Hausbesitzer, bis das Haus saniert wird, geduldet. Zur Zeit nutzen 3 Personen offiziell die Räumlichkeiten. Jeder hat ein abgeschlossenes, eingerichtetes Zimmer. Schlüssel, Heizung und Strom stehen zur Verfügung. Die Sanitäranlagen sind nur teilweise funktionsfähig.
Die Fläche wäre groß genug, um jedem Obdachlosen in Hamburg ein Quartier zu bieten.
Die kleine Gruppe vermeidet es aber, ihre Wohnmöglichkeit publik zu machen,
da Unruhen bei einer größeren Personenanzahl befürchtet werden.
So schlafen die „Ungeduldeten“ unten im Parkhaus zwischen den Tauben, währendessen
die anderen oben im sogenannten Penthouse von Altona als Hausmeister residieren.
Wer suchet, der findet. So heißt es in dem bekannten Sprichwort. Wir suchen überall das Unbedingte, und finden immer nur Dinge, ergänzt Novalis.
Das Gebäude des Forum Altonas erscheint beim ersten Besuch unübersichtlich und anonym. Viele Menschen scheint diese Anonymität anzuziehen und fordert sie auf, kleine Spuren zu hinterlassen. Ein Dialog mit ausgewählten Orten.
16qm/1P/392WM
Was ist angemessen?
Angemessen ist laut Sozialhilfemaßstab eine Wohnungsgröße von 45-50 qm
pro Person, für weitere Personen kommen jeweils 10 bis 15 qm dazu.
Zusätzlich gibt es Richtwerte für den Bereich Sanitäranlage, Küche, Mobiliar
und Lebensunterhaltkosten. Ein Sozialhilfeempfänger kann diese Ansprüche
jederzeit geltend machen.
In Deutschland liegt die offizielle Gehaltsgrenze bei 938,- Euro. Jeder der weniger
Geld im Monat zur Verfügung hat, gilt laut Europäischer Union als „arm“ .
Materielle Einbußen, wie Außentoilette, Badezimmer und Küche in einem Raum
kombiniert, Ofenheizung, allgemein renovierungsbedürftige Wohnungen und
eine Quadratmeterzahl, die im Schnitt bei 15qm pro Person liegt, sind oft anzutreffen.
Auch wenn es keiner vermuten mag. Was für einen Sozialhilfeempfänger unzumutbar
scheint, ist für die meisten Menschen das kleinere Übel.
(Zahlen aus den Artikeln - Arbeitslosengeld II - Stiftung Warentest und - Armut :
Risikofaktor Arbeitslosigkeit - Förderland)
Die Serie zeigt Innenaufnahmen von Ein-Zimmer-Wohnungen (Wohnraum 16qm
bei einer Warmmiete von 392,- Euro) aus dem Forum Altona Gebäude in Hamburg
Altona. Die meisten Anwohner aus diesem Haus leben schon seit mehreren Jahrzehnten
mit der Situation. Details, die darauf hinweisen, dass die jeweilige Person mit
geringen Mitteln auskommen muss. Lebensmittel, Kleidung und Mobiliar sollen Aufschluß
darüber geben, ob der Maßstab, der zur Prüfung der Zumutbarkeit angesetzt
wird, wirklich als richtungsweisend betrachtet werden kann.
Die Schriftinstallation zeigt das Logo der Ausstellung sowie die Arbeitsbereiche, die vertreten sind und dient so als öffentlichkeitswirksame Beschriftung der Ausstellung »Vakant-Frappant«. Die Beschriftung am Gebäude baut eine Verbindung zwischen den Bewohnern des Gebäudes, den Passanten der Fußgängerzone und den Kulturschaffenden im Erdgeschoss auf und macht so auf die Ausstellung und das ständige kulturelle Geschehen in dem Gebäude aufmerksam.
Gesetzt bzw. geklebt ist der Text in der Schrift »Frappant«, einer schmallaufenden serifenbetonten Schrift, die Fabian Eschkötter im Studio Total (Forum Altona/Frappant) im Rahmen seiner Diplomarbeit entworfen hat und die Laubengangdecken des Gebäudes (Forum Altona/Frappant) bilden die Textzeilen.
Die Umwelt im städtischen Kontext ist in der Regel eine gebaute Umgebung. Eine Welt, gebaut um uns
herum. Da bleibt es nicht aus, daß es zwischen uns und dem Gebauten zu Unstimmigkeiten kommt.
Oftmals können oder wollen wir uns unserer Umgebung nicht entziehen, nicht umziehen, da uns Personen,
Umstände oder Gewohnheiten an unsere Umgebung binden. Es bleibt dann ein Konflikt zwischen uns und
einem Teil unserer Umgebung, mit der wir nicht Einverstanden sind.
Das ehemalige Karstadt beherbergende Gebäude, im weiteren Frappant genannt, scheint seit vielen
Jahren ein Stein eines solchen Anstoßes zu sein. Es sei hässlich, eine Ruine, ein Schandfleck, Betonklotz.
Ohne Frage haben Witterung, Leerstand und mangelnde Pflege den Zustand dieses Gebäudes nicht
begünstigt. Aber was ist es denn nun, was es so unangenehm macht?
Die gefällten Urteile beziehen sich auf zwei Eigenschaften: es sind ästhetische Urteile und ein schlechter
Ruf, der dem Gebäude nachgesagt wird. Der Ruf oder das Image des Gebäudes sind das einer Ruine oder
eines Schandflecks. Hier wird mit der Kraft der allgemeinen Meinung einer Betonstruktur, die weder ein
Können noch ein Wollen besitzt, die Schande des Versagens als kommerziell erfolgreiches Geschäftshaus
aufgeladen und zum Symbol des wirtschaftlichen Niedergangs gekürt. Damit wird es für jeden , der sich
mit seiner Unternehmung in diesem Haus niederlassen will, schwierig dagegen anzugehen.
Die ästhetischen Urteile sind schnell gesagt, doch möglicherweise nicht unbedingt immer gerechtfertigt.
Es ist das eine, sich angesichts eines Dings unbehaglich zu fühlen und das zu äußern, es ist aber etwas
anderes ein ästhetisches Urteil zu fällen. Durch eine formale Analyse soll untersucht werden, was die Ursachen
für den ästhetischen Konflikt mit dem Frappant sein könnten.
Formale Analyse, das heißt, Analyse der Erscheinung, der Form, nicht des Inhaltes. Der Inhalt wären
funktionale Aspekte, wie z.B. die Nutzbarkeit der Verkaufsflächen oder der Parkgeschosse. Es kann aber
wohl davon ausgegangen werden, daß der Unmut mit dem Frappant nicht daher rührt, daß man dort
nicht parken könnte, oder die Struktur des Gebäudes das Einkaufen beeinträchtigt. Es soll die Form des
Gebäudes untersucht werden, die Art, wie sie beschaffen ist.
Der Schlafplatz wird auf ein Minimum begrenzt
und arbeitet mit zusätzlicher räumlicher Beschränkung der Bewegungsmöglichkeiten. Diese
Reduktion stellt die radikale subjektive Überspitzung der vorgefundenen Wohnsituation des
Blocks 162 da. Sie wird in Form der Wiederholung,
Portionierung und Stapelung von Körpern in
einem Minimalraum gedacht, der als Ort des
Rückzugs und als Ruhestätte dienen soll.
Das Ergebnis der Übernachtung unter diesen
Bedingungen spiegelt sich in den vier Briefen,
entstanden in den jeweils vier Tagen der Durchführung, sowie in der Altar ähnlichen ikonographischen Anordnung um den Schlafplatz als
aus der Situation erwachsene Imagination wieder.
Das Thema des Schlafens und des Fleisches wird
allgegenwärtig.
Die raumspezifische Arbeit „Flesh 162/30%“ ist im
Rahmen des Wohnexperiments „Habitat“ vom 20.
bis 26. November im Frappant/Forum Altona entstanden.

Die Karriere des Begriffs „Brache“ in städteplanerischen
Essays ging einher mit einer Neudefinition des Begriffs.
Mit der ursprünglichen Bedeutung als „unbebautes Feld“
wäre nur ein allzukleines Fenster angesprochen, das nur
in seltenen Fällen auf das hinweist, worum es bei der
Verwendung des Worts „Brache“ geht.
Warum der Begriff dennoch diese textliche Präsenz bekam,
wird zunächst in einem Feld der Recherche diskutiert.
Ein weiteres Feld bietet sich an, wenn mit „Stadtbrache“
oder „urbane Brache“ eine Verortung des Begriffs auftaucht,
der dann noch oft mit „Leerstelle“ gleichgesetzt wird.
Dabei schließt sich die Bildung von „leer“ aus dem Verb „
lesen, sammeln“ (bedeutet eigentlich: „ was gelesen werden
kann“ - vom abgeernteten Feld) kurz mit der „Stelle“ - dem
„Ort des Stehens“ ( ehemals gleichbedeutend für „Stall“).
Auch die aktuellen Stadtsituationen, als „Leerstelle“ kategorisiert,
sind alles andere denn leer im räumlichen Sinn.
Eine These der Recherche: Die „leere Stelle“, das „unbebaute
Feld“, in den benannten Begriffen thematisiert, offenbaren
einen intentionalen Subtext schon aufgrund der Tatsache,
daß sie verwendet werden. Anders gesagt, wird von „Brache“
oder „Leerstelle“ gesprochen, tendiert die Wortwahl auf ein
Einverständnis darüber, was weiter geschehen soll. Der konkrete
Stadtraum wird in einen Problemfall überführt und damit
entschieden, wer dafür zuständig ist und wie solch ein Fall
bearbeitet wird.
Die Interviews mit KünstlerInnen, StadtplanerInnen und
TheoretikerInnen, befragt von Jens Röhm und Kathrin Wildner
bei ihrer Untersuchung „Maximal Dazwischen“- urbane Leer-
stellen (präsentiert im Herbst 2002 im Rahmen der Ausstellung „
Eigene Systeme“ - Kunstverein Harburg), werden auf Abweich-
ungen von dem Einverständnis durchsucht, und mit den
konkreten Plänen und Entwürfen für die große Bergstraße
verglichen. Die textliche Recherche wird ergänzt mit der
Videodokumentation eines „soundplow in der leere“
(aufgenommen im Ex-Karstadt) und auditiven Textmontagen.
Bei der Suche nach einem Thema für ihr Diplom musste sich
die junge Designerin nicht lange aufhalten. Aktuell und sozial-
politisch sollte der Hintergrund sein und sich mit ihrem direkten
Umfeld befassen. Da das Gebäude des alten Forum Altonas seine
Mieter wie Schachfiguren herumschiebt, und die Viertelpolitik
wie auf Schwesternfelder agiert, befand Cläre Caspar das auch in
der Sprache verankerte Thema "Schach" für die adäquate Brücke.
Ihre Arbeitslage in ihrem Atelier vergleicht sie mit einem "erstickten Matt". Die in weiss und silber gehaltene Kollektion, deren 19 Einzel- teile sich in verschiedenen Outfits zusammenstellen lassen, beschäftigt sich mit der Interpretation der 6 unterschiedlichen Schachspielfiguren und der des Spielers selbst. Wie sich der Aufbau und die Entwicklung der Spielregeln im Laufe der Jahrhunderte entsprechend der Kultur, in der es gespielt wurde, veränderten und formten, so hat auch Cläre Caspar die Charaktere der Spielfiguren als Spiegel ihrer Sozialisation verwendet und Equivalente in ihrem Arbeitsviertel beim alten Forum Altona gefunden. Ein Turm entspricht hier zum Beispiel einem Türsteher, der Bauer einem Hartz-IV-Empfänger.
Das Schnittkonzept hat sie aus Grafiken entwickelt, die aus den Zug-
verläufen der Figuren entstehen. Somit hat sie zu jedem Charakter
ein Kollektionskonzept erstellt, dass sich noch weiter ausbauen lässt.
Die Schnittformen, die fertigen Modelle und die Dokumentation
ihres Arbeitsverlaufs hat sie eng an dem Gebäude, in dem sich ihr
Atelier befindet, angegliedert. Präsentiert hat sie die Kollektion in einer
futuristischen Modeinszenierung, die sie in dem alten Supermarkt des
ehemaligen Einkaufskomplexes veranstaltete. Bald steht den Nutzern
und Bewohnern des Gebäudes jedoch das politische Bauernopfer bevor.
Die innere Peripherie liegt zwischen der Innenstadt und der äußeren Peripherie. Meistens finden sich dort Büros oder kleinere Betriebe wieder. Diese Orte werden tagsüber genutzt und verlieren nach Betriebschluss ihre Funktion und Identität. Bis auf für die wenigen Menschen die in ihnen wohnen, verwandeln sich die Gegenden in Durchfahrtorte und hinterlassen nur noch Verweise auf das, was tagsüber in ihnen passiert. In der Serie „Inner Periphery - crossing the outskirt“ geht es um diese Verweise und um die Verwandlung einer solchen Gegend.
Ein junger Künstler, der heute die Wahrnehmung von Raum zum Thema macht, kann wie in der Renaissance Traktate
schreiben oder Farben anrühren. Aber anders als damals stehen ihm auch neue Abbildtechniken zur Verfügung, auch
wenn selbst in Photographie und am Bildschirm immer noch weitgehend die vor fünfhundert Jahren erarbeiteten
Sichtweisen gelten. Wenn Mark Matthes für seine Arbeiten sich ganz gleichwertig sowohl der Photographie, wie der
Malerei und der reliefhaften Malereicollage bedient, so ist das zwar unüblich, aber nur konsequent.
Die traditionelle Hierarchie der Bildformen ist nur noch für den Markt wichtig, sonst konkurrieren Gemälde und Photoabzüge gleichermassen um die Wahrnehmung in der Flut des Visuellen. Unabhängig von der Technik bestimmen in hohem Masse die heutigen Medien Produktion und Rezeption von Kunst. Und der Alltag scheint manchmal nur die Blaupause eines Film-Stills. Wo fängt ein Bild an und wo sind die Grenzen des Bildraumes? Wie viel Komplexität ist zu entschlüsseln? Im Alltag gelingt es meist, sich zu orientieren: Trotz einer verwirrenden Menge von Signalen kann der moderne Bürger weitgehend eine Reklametafel von einem Verkehrschild unterscheiden, versteht er den Sinn von fast magisch auf Asphalt markierten Dreiecken und rennt nicht in jede Spiegelung. Aber die modernen Zeiten stellen hohe Anforderungen an schnelle Wahrnehmung und unterschiedliche Reaktionen, ohne dass man sich dabei immer bewusst ist, woher manchmal die Migräne kommt.
Die Phänomene der Informationsüberlagerungen und der stadträumlichen Schichtungen von Formen sind grundlegend für die Kunst von Mark Matthes. Harte Kanten und weiche Übergänge, Brüche und Additionen, realistisches Abbild und abstraktes Zeichen berlagern sich in seinen synthetischen Stadtportraits vor und hinter einem durchsichtigen Bildträger. Doch damit nicht genug: in die Bildtiefe hinein und in den Betrachterraum hinaus finden sich zusätzliche Weiterungen in Schattenmotiven und einer durchaus gewollten Spiegelung. Denn oft kommt zu einer Spiegelung, die möglicherweise sogar Anlass für das Bildmotiv war, eine weitere hinzu, die eher zufällig sich in Teilen der unbemalten Plexiglasoberfläche findet. So lassen die Raumschichten die Wahrnehmung über die verschiedenen Ebenen des Materials zu einem eigenen multiperspektivischen Bildraum finden. Mark Matthes arbeitet mit Schärfe und Unschärfe, mit einer unterschiedlichen Fokussierung, mit Spiegelungen und Doppelbelichtungen, mit Ausschnitten und Collagen. Sein malerisches Vokabular lässt sich mit Worten beschreiben, die aus der Sprache der Photographie stammen. Und in diesem Sinne sind dann auch seine Photoarbeiten durch einen malerischen Blick geprägt. Zwar hat ein photographisch gewonnenes Bild in der Wahrnehmung immer noch den Bonus, mehr oder weniger authentisch einen realen Ort wiederzugeben, doch ein geschärfter Blick findet so manche Ecken und Markierungen von starker Seltsamkeit, bei denen zwar die photographietypische Einheit des Ortes gewähr-leistet ist, die ins Bild gesetzten Raumschichtungen aber trotzdem zweifelhaft werden. Ist das nur ein Baumarkt-Display oder erfüllt das einen bislang ungeahnten Nutzen? Ist das berhaupt real, was da zu sehen ist? Und wenn ja, was soll das bedeuten? Malerei erfordert immer eine Orientierung vor dem Bild. Aber auch die Wahrnehmung eines Dokuments des Realen kann die Frage nach der Realität der Wahrnehmung stellen.
2007 HajoSchiff
Die genauere Betrachtung von Bunkerbauwerken
führt unweigerlich zu einer Auseinandersetzung mit
ihrer Geschichte. Sie beginnt bereits vor dem ersten
Weltkrieg und hält bis heute an. Mit dem Ende des
Kalten Krieges haben Bunker endgültig ihre eigentliche
Aufgabe, die Schutzfunktion für Mensch und
Industrie verloren. Seitdem stellt sich immer wieder
die Frage nach einer sinnvollen neuen Funktion für
zivile Zwecke. Häufig werden die Betonriesen aber
abgerissen, da für sie keine Verwendung gefunden
wird. Vorgefundene Nutzungen sind meistens Übergangslösungen
oder Nutzungen, die einem Brachliegen
gleichkommen. Von einer neuen Funktion
kann nur selten die Rede sein.
Als zweitgrößte Stadt des deutschen Reiches und
Standort von U-Boot- und Ölindustrie war Hamburg
im zweiten Weltkrieg ein bevorzugtes Ziel für Luftangriffe.
Aus diesen Gründen wurden hier auch besonders
viele Zivilschutzbunker in dichten innerstädtischen
Gebieten gebaut. Ihre dominante Erscheinung prägt
das Hamburger Stadtbild bis heute. Bunker sind
historische Relikte und Teil der Kriegsgeschichte.
Sie haben zahlreiche Menschenleben geschützt und
damit ihren Zweck erfüllt. Die Erhaltungswürdigkeit
ist aus unserer Sicht unumstritten.
Gibt es eine Möglichkeit diesen historisch bedeutsamen
Bauwerken eine neue Funktion zu geben und
sie so vor dem Abriss zu bewahren?
B.NET basiert auf dem Gedanken, den Bunkern eine
Funktion zu geben, die sie wieder miteinander verbindet
bzw. vernetzt. Unser Nutzungskonzept schafft
eine neue Identifikation der Bunker als Gesamtanlage,
die die Zusammengehörigkeit, vergleichbar mit der
ursprünglichen Schutzfunktion, verdeutlicht. Es entsteht
ein Bunkernetzwerk. Die Bunker im Altonaer
Grünzug werden dabei zu der Kreativen Plattform
des Bunkernetzwerkes. Sie entwickeln durch ihre neu
erhaltene Funktion und ihre Besonderheit als Plattform
eine Strahlkraft, die sich auch auf ihren Standort, den
Altonaer Grünzug auswirkt.
Der Supermarkt ist weiter gezogen, die abmontierten Regale lassen 400 qm kühle Leere
zurück. Für eine Wohnung zu groß, zu klein für eine Siedlung. 80 Neonleuchten hängen
sinnlos an der Decke und trauern blind dem geschäftigen Treiben vergangener Zeiten nach.
Eine einzelne Glühbirne der Notbeleuchtung erhellt tapfer den Bereich vor der Fleischtheke.
An diesem Ort wird eine Gruppe von Stadtplanern, Architekten und Künstlern für eine Woche ihr Lager aufschlagen. Dabei wird der Raum durch Aneignungsprozesse, funktionale Notwendigkeiten und soziale Bedürfnisse überformt; durch Zeichen, Symbolsysteme, Atmosphären wird die Siedlungsstruktur markiert - den einzelnen Elementen und Bereichen Bedeutung zugewiesen. Ausgehend von Strom, Wasser und Internet als Basis-Infrastruktur werden sich Prozesse und Strukturen entwickeln.
Welche Dimensionen zwischen Wohnung und Stadt sowie Architektur und Interieur wird die
Fremdbesiedlung des Raumes aufzeigen? Wo entstehen zentrale Orte und Randbereiche,
Hauptverkehrswege und Aufenthaltsräume, öffentliche und private Zonen?
Die sich zwischen funktionalen Zentren wie Steckdose, Netzanschluss, Dusche etc.
aufspannenden Prozesse und Strukturen werden mit Methoden der Stadtplanung, Architektur
und Kunst reflektiert sowie in Bezug auf Analogien zu Stadt und Architektur untersucht.
Diese Hochsitze, sind Symbole für einen Fremdkörper, der nicht an diesen Ort gehört,
hier nicht hinein passt. Der Hochsitz des Jägers hat hier nichts verloren. Für den Jäger
ist die Stadt ein befriedeter Raum. Er darf / soll in der Stadt nicht jagen. Damit bleibt
ihm das Ansitzen in der Stadt verwehrt. Dass diese Hochsitze auf uns fremdartig und
deplatziert wirken, ist aber auch ein Zeichen dafür, wie weit unserer Lebens- / Stadtraum
bereits befriedet ist, wir uns im befriedeten Raum bewegen.
Der Begriff der Befriedung ist, was den Jäger angeht, ein rechtlicher. Als soziologischer Begriff ist die Bedeutung ähnlich, nur aus einer anderen Perspektive betrachtet. In diesem Sinne ist die Stadt für uns befriedet, da der Jäger hier nicht jagen darf. Wir können also davon ausgehen, in der Stadt nicht einem Jagdunfall zum Opfer zu fallen. Der Begriff der Befriedung lässt sich hier aus der Sicht des Risikos betrachten. Das Risiko ist ein Zugang zur Bewegung der Gesellschaft, zu den Reaktionen verschiedener Teilchen aufeinander, in denen ich immer gleichzeitig beteiligt und unbeteiligt bin. Der Glaube an die individuelle Situation, an die Willensfreiheit macht die Wahrscheinlichkeit des Risikos unsichtbar. Er suggeriert uns, die riskanten Ereignisse seien auf andere bezogen notwendig, auf mich bezogen zufällig.
Diese Absicherung der Wirklichkeit erzeugt befriedete Räume, die sich dadurch auszeichnen, dass nur bestimmte Funktionen, eine bestimmte Art des Seins, Bewegens, Benutzens in ihnen möglich ist, ohne sie zu (zer)stören und damit die Absicherung zu gefährden. Sie suggerieren eine Sicherheit vor riskanten Ereignissen, vor gewalttätigen Übergriffen durch andere.
Die Hochsitze sollen als Störfelder gesehen werden und unsere aufwendig abgesicherte Wirklichkeit für eine gewisse Zeit verunsichern und de-konstruieren. Diese Verunsicherung ermöglicht uns einen Blick in den topographischen Raum, bevor die Sehgewohnheit die abgesicherte Wirklichkeit wieder herstellt. Der befriedete Raum oder die Absicherung gegen das Risiko ist natürlich eine Illusion. Aber möglicher Weise eine notwendige.
Genau genommen ist die Bewegung im Raum immer mit Konflikten verbunden. Da der Raum für uns endlich ist, hat er auch Grenzen. Die erste Grenze umschließt den Raum. Wenn sich eine Person in einem Raum befindet ist das die einzige Grenze. Sind es aber zwei Personen, kommen Grenzen hinzu. Egal ob sich die Personen wohlgesonnen sind oder nicht. Die Personen müssen sich den Raum teilen. Da keiner dem Raum entkommen kann braucht er ein Stück des Raumes für sich. Und das muß er besetzen und grenzt sich damit gegen den anderen ab. Dieses Besetzen ist immer auch ein strategisches Besetzen. ZB in der Form, daß man den anderen im Blick hat. Man sitzt ja auch nicht gern mit dem Rücken zur Tür. Auch nicht, wenn es eine Tür in der eigenen Wohnung ist. Und mit dieser Strategie wird sich wieder ein Stück gegen das Risiko abgesichert und der Raum befriedet. (Oliver Zorn)
Dokumentation: Klaus Neumann
Noch heute lebt die Reeperbahn von dem Ruf als Rotlichtviertel am Hafen Hamburgs.
Auch wenn durch die moderne Containerschifffahrt und die kurzen Liegezeiten der Schiffe
keine Matrosen mehr in die Bordelle und Sexshops kommen, läuft das Geschäft gut.
Dies liegt vor allem an den Touristen, die Wochenende für Wochenende in den Clubs und
Bars ausgelassen feiern. Mittlerweile verändert sich das Viertel zu einem Entertainment Park
in dem Massenveranstaltungen stattfinden. In dieser „Dauer-Feier-Stimmung“ leben die sozial
Schwachen und Obdachlosen, von dem, was im Überfluss liegenbleibt. Das Pfandsammeln und
betteln ist ihre Einnahmequelle. Diese Fotos zeigen Menschen, die am Rande dieser Ausgehmeile
existieren und die meist unsichtbar bleiben.